Europawahl-Projekt

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Die nunmehr 8. Europawahl steht an. Alle Europäer sind aufgefordert, zwischen dem 22. und 25. April Ihre Stimme abzugeben und das über unterschiedlichste demokratische Wahlverfahren. Deutsche Bürger wählen nach dem Sainte-Laguë Verfahren und haben jetzt Einfluss darauf, welche Parteien das Land vertreten werden und wie Deutschlands 96 Sitze verteilt sein werden

Das Brentano Institut für angewandte Kategorienwissenschaft hat passend zum Europa-Wahljahr 2014 eine scivesco Untersuchung mit dem Titel „Demogratieempfinden und politischer Zeitgeist in Deutschland im Europa-Wahljahr 2014“ durchgeführt. Ziel war es, zu erfahren, welche Kategorien Demokratie in Europa bestimmen. Hierzu wurde ein Elementeset aus den Bereichen Europa, der Parteienlandschaft in Deutschland für die Europawahl und unterschiedlichen Staatsformen gebildet. Zu den Befragungspersonen gehörten neben allen Wahlberechtigten auch Experten aus der deutschen Politik und Poltikwissenschaft.

Ergebnisüberblick

Aus Sicht der befragten Experten basiert das "Ideale Europa" auf drei Säulen. Eine Säule bildet die Staatsform des demokratischen Rechtsstaats. Keiner der Befragten würde anarchische oder chaotische Strukturen akzeptieren. Vielmehr wünschen sie sich eine starke Verfassung, in der die individuellen Interessen aller Bürger Europas parlamentarisch vertreten werden. Eine weitere Säule ist Transparenz und Offenheit, welche mit dem Wunsch nach Mitbestimmung einhergeht. Das reine Wahlrecht reicht den Befragten dabei nicht aus, es sollte vielmehr übergehen in einen europäischen Bürgerdialog mit konsequenter Beteiligung an wesentlichen Entscheidungen. Die dritte Säule ist die soziale Verantwortung. Diese nimmt sogar eine entscheidende Schlüsselposition ein. Sie dient der Regulierung der wirtschaftlichen Märkte und setzt den Menschen in Europa in den Mittelpunkt. Zwar wird eine funktionierende Wirtschaft für Europa als wichtig empfunden, diese sollte aber von sozialer Verantwortung geleitet sein. 

Forschungsdesign

Ausgewählte Experten als Vertreter deutscher Bürger wurden mit sci:vesco, einer qualitativ-quantitativen Interviewtechnik auf Basis der Repertory-Grid-Methode (Repgrid) durchgeführt. Die Repgrid-Methode wurde von George A. Kelly (1955) im Rahmen seiner Psychology of Personal Constructs entwickelt, um die subjektiven Konzepte (sog. Konstrukte) zu erfassen, mit denen ein Mensch die Inhalte seiner Erfahrungswelt (sog. Elemente) ordnet und bewertet (vgl. Fransella, Bell, & Bannister, 2004; Fromm, 2004; Scheer & Catina, 1993). Die Methode ist sehr flexibel, d.h. sie erlaubt sowohl eine idiografische als auch eine nomothetische Sichtweise auf den Forschungsgegenstand und steht sowohl für qualitative als auch als quantitative Auswertungen offen (Rosenberger & Freitag, 2009). Diese Flexibilität ermöglicht es, dass

  • die befragten Experten ihre subjektive Sicht auf den momentanen politischen Zeitgeist in ihrer eigenen Sprache beschreiben können (idiografische Dimension),
  • diese individuellen Sichtweisen zusammengefasst werden können, um wesentliche Attribute zu idfentifizieren (nomothetische Dimension),
  • die Ergebnisse der Befragung inhaltsanalytisch ausgewertet werden können (qualitative Dimension),
  • und statistische Verfahren eingesetzt werden können, um die erhobenen Attribute in Kategorien zu strukturieren (quantitative Dimension).

Aus diesen Gründen eignet sich das Repgrid-Interview besonders für die Exploration von Expertenmeinungen hinsichtlich Erwartugnen und Trends. Zudem bietet die Methode den Vorteil, dass mit ihr auch implizites Wissen erfasst werden kann (Buessing, Herbig, & Ewert, 2001; McGeorge & Rugg, 1992; Seelig, 2000; Winter, 1992), d.h. es können Kategorien sichtbar gemacht werden, welche politische Experten anwenden, wenn sie den politischen nzeitgeist im Rahmen der bevorstehenden Europawahl beurteilen. Aufgrund ihrer Flexibilität wird die Repgrid-Methode für viele angewandte Problemstellungen sehr intensiv genutzt (für einen Anwendungsüberblick vgl. Rosenberger 2014).

Die im Interview erhobenen Daten wurden faktoranalytisch berechnet und in einem dreidimensionalen Raum dargestellt (s. 3D Ergebnisraum).

Alle Aussagen der Befragten spannen dabei den Raum in drei Dimensionen auf. Abhängig von den Bewertungen der Befragten werden dann die Elemente der Befragung in diesen Raum hineinprojeziert. Die beurteilten Elemente werden durch Kugeln visualisiert, die Aussagen durch Punkte. Im Raum lässt sich wie folgt navigieren: Mausrad = zoom in / out; linke Maustaste = drehen. 

Die Kern-Elemente der vorliegenden Untersuchung waren:

  • Europa Ideal
  • Europa Negativ
  • Europa vor dem 2. Weltkrieg
  • Europa Heute
  • Europa in 10 Jahren

Zusätzlich wurden Parteien als Elemente Benchmarks eingesetzt, um herauszufinden, welche Partei am ehesten den Hauptdimensionen eine idealen Europas entspricht:

  • CDU (Europäische Volkspartei)
  • SPD (Sozialdemokratische Partei Europas)
  • Die Grünen (Europäische Grüne Partei)
  • Die Linke (Europäische Linke)
  • FDP (Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa)

Außerdem wurden Staatsformen Elemente (Kategoriale Staatsformen) eingesetzt, um zu prüfen, welche Staatsform am ehesten einem idealen Europa entspricht

  • Demokratischer Staat
  • Rechtsstaat
  • Diktatur
  • Sozialistisch/kommunistischer Staat
  • Kapitalistischer Staat

Da es sich bei den Befragten um ausgewählte Experten handelt, wurde das subjektive Selbstbild in die Untersuchung eingeschlossen:

  • Ich Heute

Auszüge aus den Ergebnissen

Wo steht Europa?

Die Befragten sehen sich schon sehr nahe dem "Idealen Europa" (81%, s. Abbildung 1). Am nahesten zum "Idealen Europa" liegt das Element "Demokratischer Staat" mit 85% und das Element "Rechtsstaat" mit 78%. Die Befragten sehen "Europa in 10 Jahren" mit 77% Erfüllungsgrad näher am "idealen Europa" als "Euopa Heute" mit 66%, was die Aussage w. o. bestätigt, dass die Befragten denken, das man auf einem guten Weg ist.

Am weitesten entfernt von dem "Idealen Europa" sind die Elemente "Diktatur" (5%), "Sozialistischer/Kommunistischer Staat" (24%) und "Europa vor dem 2. Weltkrieg" (26%).

Abbildung 1: Erfüllungsgrad über alle Elemente der Demokratiebefragung

Wofür steht Europa?

Im idealen Europa sehen die Befragten ein zusammenwachsen der europäischen Staaten und einen Rückgang des kleinstaatlichen Nationaldenkens. Geprägt ist dieses einheitliche Europa durch Mitbestimmung, Vielfalt, Freiheit sowie Transparenz und Offenheit. Der wirtschaftliche Rahmen ist geprägt von sozialer Verantwortung und bildet daher eine soziale Marktwirtschaft. Einem reinen Kapitalismus wird genauso eine Absage erteilt, wie dem Faschismus und der Gesetzlosigkeit (s. Abbildung 2).

Abbildung 2: Europa Elemente in aggregierten Clustern

Ausgehend vom Europa heute sehen die Befragten die Entwicklung des Europas in 10 Jahren deutlich dem ideal näher. Den einzigen Wermutstropfen sehen die Befragten in der Entwicklung des kleinstaatlichen Nationaldenkens. Hier befürchten sie für das Europa in 10 Jahren eine stärkere Ausprägung in kleinstaatliches Nationaldenken, als dies heute der Fall ist.

Wo stehen die europäischen Parteien?

Legt man den Fokus auf die Parteienlandschaft und betrachtet dabei die Abstände und Korrelationswerte zwischen dem idealen Europa und den einzelnen Parteien  dann wird deutlich, dass die Grünen und die SPD am deutlichsten für ein ideales Europa stehen, gefolgt von der Linken. Die CDU und die FDP sind hier deutlich abgeschlagen. Letztere vor allem weil sie bei den Befragten das Sinnbild des puren Kapitalismus darstellen (s. Abbildung 3).

Abbildung 3: Parteien Elemente in aggregierten Clustern

Die CDU weist ihrerseits hohe Korrelationen mit dem Europa heute und dem Europa der 50er und 60er Jahre auf sowie zu den Parteien SPD und FDP. Sie stehen für konservative und wirtschaftliche Werte mit einem Blick der eher in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet ist. Zwar verbinden die Befragten mit der CDU auch Begriffe eines idealen Europas, wie soziale Marktwirtschaft oder Offenheit und Transparenz aber es fehlt ihr an sozialer Verantwortung. Darüber hinaus wird sie mit einem kleinstaatlichen Nationaldenken in Verbindung gebracht und einem Hang weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zum puren Kapitalismus.

Die FDP steht neben Transparenz und Offenheit sowie Mitbestimmung auch für EIN Europa. Letzteres aber überwiegend aus wirtschaftlichen Interessen, die mangels sozialer Verantwortung in ein rein kapitalistisches System münden.

Die SPD und die Grünen ähneln sich sehr stark in den positiven Ausprägungen hin zu einem idealen Europa. Jedoch werden die Grünen stärker mit einem einheitlichen Europa in Verbindung gebracht, während die SPD stärker zum kleinstaatlichen Nationaldenken tendiert.

Der Linken wird die stärkste soziale Verantwortung zu getraut, allerdings gepaart mit einem Antikapitalismus, der auch die Kompetenz einer sozialen Marktwirtschaft in Frage stellt. 

Wie werden die Staatsformen gesehen?

Betrachtet man sich analog zu den Parteien die Abstände und Korrelationswerte Kategorien der Staatsformen, dann wird sehr schnell deutlich, dass das ideale Europa demokratisch und rechtstaatlich ist und nicht kapitalistisch, sozialistisch/kommunistisch oder gar diktatorisch. Der sozialistische/kommunistische Staat erreicht seine größte Korrelation mit der Diktatur. Für die Befragten wird diese Staatsform daher vor allem mit dem System der früheren DDR verbunden und nicht als alternative Wirtschaftsform zum Kapitalismus, der ja in seiner Reinform ebenfalls abgelehnt wird (s. Abbildung 4).  

Abbildung 4: Staatsformen Elemente in aggregierten Clustern

Was bewegt die Befragten am meisten?

Die Meinungs- und Entscheidungsfreiheit ist durch eine demokratisch föderale Tradition sowie die Entscheidungsfindung in parlamentarischen Gremien für die Befragten auch heute schon gegeben.

Mit dem Europa heute verbinden die Befragten aber auch ein starkes wirtschaftliches Interesse, welches sich zum Europa in 10 Jahren deutlich abschwächt (s. Abbildung 5).

Abbildung 5: Tag Clouds der Befragtenaussagen zum Element Europa Heute (groß und fett entspricht dem Grad des Zutreffens)

Im idealen Europa sehen die Befragten vor allem eine offene und bunte Gesellschaft in der Freiheit ein hohes Gut darstellt. Diese Werte entspringen einer parlamentarischen Demokratie und Rechtstaatlichkeit in der Entscheidungsprozesse transparent. Wirtschaftliche Interessen treten dabei in den Hintergrund (s. Abbildung 6).

Abbildung 6: Tag Clouds der Befragtenaussagen zum Element Europa Ideal(groß und fett entspricht dem Grad des Zutreffens)

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